mindart-Chefredakteur Nicolas Flessa

Ein Jahr der Hoffnung und der Zufriedenheit

Text: Nicolas Flessa – Foto: Jens Kalaene (DPA)

Die Leidenschaft des Menschen für – manche mögen sagen: sein Wissen um – natürliche Zyklen, Wiederholungen, die Rhythmik der Zeit ist mindestens so alt wie sein Blick in die Sterne. Eingebettet in ein System kosmischer Wiederholungen, vom täglichen Sonnenlauf bis zum jährlichen Wechsel der Tierkreiszeichen ist unser Erleben von Zeit rhythmischer Natur: Kein kosmisches Schauspiel ist besser geeignet, uns das Kommen und Gehen in geordneten Perioden so anschaulich vor Augen zu führen als Geburt, Aufstieg, Reife und Tod der allmonatlichen Mondphasen und der damit verbundenen Gezeiten. Alles in der Natur scheint sich in den berühmten wachsenden Ringen zu vollziehen, denen Rilke, gerade 24jährig, in seiner Lyrik ein sprachliches Denkmal gesetzt hat.

So verwundert es kaum, dass alle Jahre wieder eine Flut ganz anderer Natur die populären Medien überschwemmt, vom Fernsehen über Zeitungen bis hin zum Internet: In zahllosen Jahresrückblicken versuchen wir, uns des Sinns einer Zeit zu versichern, die hinter uns liegt, ihre Feste noch einmal zu feiern, ihre Wunden zu lecken und kollektiv Kraft für einen neuen, hoffentlich besseren Ring zu schöpfen. Dies ist umso erstaunlicher, als niemand von uns das gleiche Jahr im Rücken hat, nicht einmal jene, deren Beine sich Abend für Abend unter dem selben Tisch versammeln, von gemeinsamen U-Bahn-Wägen, Stadien oder gar Städten ganz zu schweigen. Die vergangene Zeit und die Erinnerung daran sind mindestens so persönlich wie das tägliche Erleben, das sich aus Hunderten von Blicken und Hoffnungen, Ereignissen und Ängsten zusammensetzt und das das, was wir objektive Ereignisse nennen, schon im Augenblick der Erfahrung in einen Teppich mikroskopisch kleiner Wirklichkeiten zerfallen lässt.

Wie also darüber sprechen, was das vergangene Jahr mit uns gemacht hat? Wie dieses „uns“ definieren, das – durch willkürliche Zusammenfassung von Bewohnern eines Landes, von Lesern eines Magazins – das, was wir Geschichte nennen, ähnlich erfahren und verarbeitet hat? Und so spiegeln Jahresrückblicke nicht selten weniger die Zeit, die vergangen ist, als die Zeit, die wir im Augenblick bewohnen, wieder. Welche Hoffnungen und Ängste treiben uns derzeit um und setzen jene Brille zusammen, die wir für die ordnende Rückschau benötigen? Der Zeitpunkt unserer kollektiven Selbstversicherung liegt, einem historischen Zufall geschuldet, in der dunkelsten Zeit des Jahres, die zumindest auf der Nordhalbkugel der Erde seit jeher der Einkehr und der Verarbeitung gewidmet ist. Wer weiß, wie ein Sylvester-Rückblick aussähe, der sich zum Beispiel am altägyptischen Kalender orientierte und mitten in der heißesten Zeit des Jahres, im Juli, seinen Sitz im Leben hätte.

Doch unser Rückblick ist dazu verdammt, ein europäischer zu werden; nicht nur aufgrund der Jahreszeit, in der er stattfindet, sondern auch aufgrund der Nachrichten, die wir wählen, die wir in ihm für notwendig erachten. „Unser 2014“ wird, zumindest im kollektiven westlichen Gedächtnis, als ein Jahr der Anspannung in die Bücher der Populärgeschichte eingehen, als ein Jahr politischer Bedrohung und Wiederkehr längst untergegangen geglaubter Erfahrungen. Vom neuen Kalten Krieg infolge der Ukrainekrise bis hin zum mittelalterlichen Terror à la ISIS respektive IS – der Fundus an martialischen Bildern und Kommentaren ist dieses Jahr besonders reich bestückt worden. Inmitten des Terrors wird der Boulevard umso strahlender seine Alternativ-Erzählung unter uns ausbreiten, die sich irgendwo zwischen „Wir sind Weltmeister“ und „Ein Europa der Toleranz dank Conchita Wurst“ wiederfinden wird.

Auch in Deutschland hat so mancher Trend für Untergangsstimmung gesorgt. Von der Geburt einer neuen eisernen Lady in Gestalt der Putin-Missversteherin Merkel über neurechte Rocker bis hin zu Marx in der Staatskanzlei: Lieb gewonnene politische Wahrheiten sind in diesem Jahr ebenso unvermutet abhanden gekommen wie der Glaube an die Unschuld der gelben Engel des ADAC oder an die Unsterblichkeit von Wetten Dass. Kalifen und Könige wurden ausgerufen, Krankheiten bekämpft und Kometen erobert; das russische Roulett im Nahen Osten hat neue Koalitionen hervorgebracht, die ebenso brüchig erscheinen wie die ruinierten Biographien spanischer Jugendlicher, arabischer Revolutionäre oder afrikanischer Flüchtlinge.

Wohin also die Hoffnung richten, dass eines fernen Tages alles doch wieder besser werden wird? Auf Papst Franziskus, der ein verkrustetes Amt für christliche Nächstenliebe und die Rettung von Ausgegrenzten missbraucht, oder auf Menschen wie Edward Snowden, der ihre Verstrickung in ein System, das grundsätzlich seinen Nächsten betrügt, zur Aufklärung ihrer Opfer einsetzen? Mit Hoffnungen, die wir auf andere, uns völlig ferne Persönlichkeiten setzen, haben wir nicht nur historisch schlechte Erfahrungen gemacht. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, das Jahr der Bedrohung dafür zu nutzen, ein Jahr der Verteidigung ins Leben zu rufen.

Im Gegensatz zur Bedrohung liegt die Verteidigung nämlich in unserer Hand. Wir entscheiden, welche Werte, welche Güter wir verteidigen möchten, und wir selbst haben die Wahl der Mittel. Wollen wir uns für die Rettung eines „weißen“, christlichen Abendlands einsetzen – oder für die Rettung unseres in der (heidnischen) Antike wurzelnden und in der Aufklärung geschärften Glaubens an die Kraft des Arguments als Grundlage des Erkenntnisgewinns? Was gereicht uns mehr zur Freude: die Überwindung weltanschaulicher Intoleranz durch den Untergang von Faschismus und Realsozialismus in Europa – oder die Empörung über vermeintliche Barbaren in den Moscheen oder Arbeitsämtern der EU? Was möchten wir in Wirklichkeit niederringen – das Mittelalter in der syrischen Wüste oder das Mittelalter in unseren Köpfen?

Die große Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Isabel Allende hat auf meine Frage, ob sie sich angesichts der Krisen des vergangenen Jahres um einen Abstieg der Kultur und der Menschlichkeit sorge, mit einem berührenden Plädoyer für die Gegenwart geantwortet: „Ich wurde mitten im Zweiten Weltkrieg geboren, als es nicht einmal eine Erklärung der Menschenrechte gab, als man Millionen von Menschen industriell ermordete und Atombomben auf Städte warf. Niemand sprach damals über Kinderrechte oder die Rechte von Frauen. In meiner eigenen Lebenszeit habe ich miterleben dürfen, wie die Welt besser und nicht schlechter wurde. Wir haben noch immer Kriege und Diskriminierung, Folter, Terror und Hinrichtungen, aber zugleich sind viel mehr Menschen gut ausgebildet und haben einen besseren Zugang zu den Ressourcen dieser Welt und ihren Wissensschätzen als zur Zeit meiner Geburt.“

Lassen Sie uns daran arbeiten, das zu beeinflussen, was wir wirklich in den Händen haben: den Umgang mit unseren Mitmenschen, den Verbrauch unserer natürlichen Ressourcen und die Wahl unserer Konsumgüter; sie sind es, die die Welt im kommenden Jahr mehr prägen werden als alle Nachrichten und Katastrophenmeldungen zusammen. Unsere Menschlichkeit ist es, die entscheidend dazu beitragen wird, ob 2015 ein weiteres Jahr der Bedrohung wird – oder im Gegenteil ein Jahr der Hoffnung und der Zufriedenheit.

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