Text: Malte Schlösser – Bildszefei

Wahrheit bedeutet, dass das, was ich sage, auch gilt. Offenheit ist dagegen ein relatives Gut: Zur Offenheit gehören immer zwei Seiten, das übersieht man leicht. Wir müssen auch denjenigen bedenken, der die Offenheit ungeschützt ertragen muss, eventuell will das Gegenüber es gar nicht wissen. Denn es gibt eine Offenheit, die nicht fair ist: Das ist die selbstgerechte Variante der Offenheit, die die eigenen Belastungs- und Schuldgefühle dem Partner zuspielt.

Dies wird gerne als ehrliche Wahrheit verkauft, ist aber in erster Linie nicht ehrlich, sondern aggressiv und daher egoistisch und niederträchtig. Dies sage ich so deutlich, weil Offenheit gerade in der „Psycho-Szene“ gerne einseitig positiv als ehrliche Wahrheit verkauft bzw. mit ihr verwechselt wird.

Ich halte nichts davon, „offen sein” zu müssen, ohne die Verantwortung für die eigenen Handlungen zu übernehmen. Bei vielen TeilnehmerInnen erlebe ich die Sehnsucht, ihre Grenzen und Begrenzungen und Schutzbedürfnisse klarer wahrnehmen und annehmen zu können, d.h. zu wissen, was man will und was man nicht will. Wenn wir dann die Konsequenzen der eigenen Grenzen verantworten, sind wir tatsächlich offen für und in Verbindung mit den eigenen und fremden Begrenzungen.

Optimale Offenheit

Letzendlich läuft die Balance zwischen Offenheit und Schutz, zwischen Spontanität und adäquaten Ausdruck auf ein Paradox hinaus: wären wir permanent offen und würden uns alles sagen (was ohnehin nicht möglich ist), würde dies automatisch den Schutz aktivieren, da sich alle vor dieser Informationsflut schützen müssten. Das Ziel ist daher nicht maximale Offenheit, sondern optimale Offenheit. Und dieses Optimum lässt sich am Besten durch Versuch und Irrtum herausfinden.

“Offen” für Begegnungen kann ich nur sein, wenn ich mir erlaube, verschlossen sein zu dürfen. Beides bedingt sich gegenseitig und wird erst dann zu einer freien Entscheidung für uns, wenn ich meine Grenzen und Bedürfnisse bewusst wahrnehme und lerne, dafür “zu gehen”, mit allen Konsequenzen, die das nach sich ziehen darf und die ich vor allem mitverantworte.

Verantwortung meint aber nicht etwas Schweres, sondern so etwas wie „Präsenz mit dem, was ist“. Im Englischen sagt man „responsability“, also in Resonanz sein mit der Antwort, die unser Handeln hervorruft. Sich eben nicht schuldig fühlen und beklagen, weil meine Entscheidungen und mein Handeln eine Resonanz hervorruft. Wenn wir die Antwort für unser Handeln und So-sein (z.B. Verschlossenheit oder Offenheit) selber aushalten, dann müssen wir uns auch nicht vor uns selbst verstecken. Beides ist dann möglich, Mitgefühl für uns und unser Gegenüber, ohne dass jemand etwas anders machen muss, höchsten kann, weil will…

 

malte

Malte Schlösser, geb. 1977, lebt mit seiner Partnerin in Berlin. Er ist Heilpraktiker (Psych.), Regisseur und Philosoph (M.A.), außerdem Seminarleiter, systemischer Sexual- und Körperpsychotherapeut. Er bietet Seminare und Trainings sowie Einzel- und Paartherapie in Berlin und Brandenburg an (www.kunstdesseins.de). Dabei geht es ihm um die Themen Liebe, Beziehung, Kommunikation und Bewusstheit.

Advertisements